Der erste Eindruck

Um 18.30 Uhr Ortszeit trat ich aus der A330, die ich rund acht Stunden zuvor in Brüssel bestiegen hatte. Es fühlte sich an, wie wenn man direkt hinter einem Bernmobil Öko-Bus steht und einem die warme Abluft der Kühlung ins Gesicht bläst. Obwohl ich im T-Shirt dastand, schwitze ich schnell am ganzen Körper. Am Zoll wurde ich freundlich willkommen geheissen: «Bonne Arrivée!» tönte es von allen Seiten – auch vom uniformierten Personal. Alexandre fuhr mich und meine beiden Mitreisenden zum Guesthouse.

Am nächsten Morgen würden wir neun Stunden quer durch die Pampa fahren, bis hin zum Centre de Formation Liweitari (CFL) in Natitingou, informierte mich Maria, die eine Mitreisende und Frau des Gründers besagten Berufsbildungszentrums. Das Guesthouse befindet sich im Villenquartier von Cotonou, was so viel bedeutet, wie dass seine Häuser ein wenig wie koloniale Villen aussehen – wenn auch ein bisschen heruntergekommen. An jeder Ecke sieht man Stromgeneratoren auf erhöhten Betonfundamenten, vor den Eingängen stehen ab und an Leute von der SECURITY – die Strassen sind jedoch auch hier aus Staub.

Lukas, der andere Zivi, meint, falls man sämtliche Stromgeneratoren zentralisieren würde, hätte wohl die ganze Stadt durchgehend Strom. Peter, ein pensionierter Elektroingenieur, pflichtet dem bei, fügt aber hinzu, dass die nächste Flut wohl sämtliche Leitungen wieder zerstören würde, und man dann wieder am Anfang stünde. Damit hat er, der Elektro-Ingenieur, zweifelsfrei Recht – mir ist die Diskussion aber im Geiste für den Moment zu europäisch. Deshalb sage ich nichts; mir wäre sowieso nichts eingefallen.

Die beiden sind übrigens etwas später am Abend gelandet und teilen für die Nacht das Zimmer mit mir. Lukas ist 26 und Polymech. Vor ihrem Ankommen habe ich noch mit Maria und ihrer Kollegin, sagen wir mal Magdalena (beide schon ein bisschen älter), Abendmahl gegessen. Dabei bin ich gleich reingelaufen, als ich beim Zusammensitzen «ä Guete» gewünscht habe und mit dem Essen beginnen wollte. Maria sagte diplomatisch, man sei sich gewohnt, davor noch zu beten. Selbstverständlich habe ich mich für diesen Fauxpas entschuldigt.

Jetzt bin ich mir aber nicht sicher, ob ich diesen ersten Eindruck je wieder reparieren kann. Im Nachhinein glaube ich auch, dass es nicht gut von mir gewesen ist, das Gespräch auf den Vodoo zu lenken, um gleich danach den Monotheismus des Christentums anzuprangern. Dabei beschleicht mich die Vorahnung, dass mir das Thema Religion in den kommenden Monaten noch öfters begegnen wird – aber nicht nur zu meinem Vergnügen, wie es mir scheint. Was mich hingegen ehrlich hat beeindruckt, ist die Argumentation mit der Maria den einzig wahren Gott verteidigte.

Deshalb im Folgenden sinngemäss: Der Mensch komme (A) unrein zur Welt und könne (B) nur im Glauben an etwas Reines zur Erleuchtung gelangen. Das Christentum könne dies (C) als einzige Religion vorweisen mit Jesus. Er sei rein durchs Leben gewandelt, um zur Versöhnung der Menschen mit Gott, als erster Mensch, reinlich zu sterben. Dadurch habe er quasi den Weg für die Menschen freigemacht – zumindest für jene, die an Jesus glauben. Alle übrigen Religionen hätten die Versöhnung mit Gott in dieser Reinlichkeit nicht hingekriegt; daher Monotheismus.

Es ist jetzt 02.05 morgens. Ihr könnt cool bleiben, ich habe nicht vor, irgendeinem Verein beizutreten. Ebenso bin ich nicht der Überzeugung, es führe nur ein Weg zur Erleuchtung bzw. zu Gott. Auch die Idee, man müsse sich zuerst mit seinem Schöpfer versöhnen, scheint mir nicht besonders einleuchtend. Maria hat mich jedoch mit der Stichhaltigkeit ihres Arguments überrascht. In den kommenden Monaten möchte ich, wenn, dann etwas achtsamer im Porzellanladen der Religionen herumtrampeln.

Am nächsten Morgen bringt uns Alexandre um 06.15 zum Carbahnhof. Dort stehen zwei chinesische Yutong Reisecars, zahlreiche Motorräder und noch zahlreichere Verkäuferinnen und Verkäufer mit grossen Körben auf den Köpfen voller Brot, Früchte sowie Hygieneartikel. Die meisten sind in die traditionelle Bomba gekleidet – die weiten farbigen Gewänder aus bedrucktem Stoff genannt Panier. Die Frau mit den Backwaren lässt so leicht nicht locker, als ich ihr erklären will, dass ich soeben gefrühstückt habe: «Vous ne mangez pas?»

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Vielleicht liegt es daran, dass ich nur wenig Schlaf kriegte, jedenfalls fängt es mich bei ihrem dritten Anlauf an zu nerven. Dennoch versuche ich es mit einem Lächeln, das wohl etwas sauer wirkt. Beim Bus treffen wir Jan, ein ZIVI-Elektroniker des CFL, der in Cotonou sein Visum verlängern musste. Auch er trägt eine stilvolle Bomba. Man habe damit bei Verhandlungen immer wieder eine Art «Heimvorteil», meint er mit einem Grinsen.

Der Transit nach Natitingou beginnt. Wir fahren in Richtung Norden auf dem «Goudron», was so viel wie Teer bedeutet – einer der beiden einzigen geteerten Strassen von Benin. Sofort fällt auf, dass die Hupe im beninischen Strassenverkehr als vielseitiges Kommunikationsinstrument eingesetzt wird: um «Hallo» zu sagen zur Ankündigung, «Hau ab!» um überholen zu können, oder «Du Arsch» wenn, trotz mehrmaligen Hupens, keine Reaktion erfolgte. Generell scheint hier im Strassenverkehr das Recht des Stärkeren zu gelten.

Daher fahren die Motorräder am rechten Strassenrand, wo sie nicht in die Quere der grösseren und schnelleren Autos kommen. Jan erklärt mir, dass in Cotonou Töff-Taxis weit verbreitet sind, und dich günstig überall hinbringen. Dabei trägt hier kein Mensch einen Helm. Überdies sind viele zu zweit auf dem Motorrad, wobei die Mitfahrenden oft grosse Körbe auf ihren unbehelmten Köpfen mitführen. Unterwegs überholen wir einige Lastwagen, die allesamt heillos überladen sind und bei der kleinsten Steigung nur noch etwa 40 km/h hinbekommen.

Unmittelbar neben der Strasse beginnt die staubige rotbraune Erde. Innerhalb der Stadt befinden sich an den Strassenrändern viele improvisierte Geschäftshäuschen, die Motorräder und Zubehör, Mobiltelefone, Simkarten, und Früchte verkaufen. Einige Male sehe ich ausserdem unter freiem Himmel zum Verkauf angeboten die Rahmen riesiger kolonialer Holzbetten. Je weiter wir aufs Land hinauskommen, desto ärmlicher werden die Bauten: So sind sie meistens aus selbstgepressten Zement- oder Lehmsteinen aufgeschichtet und mit Stroh oder Wellblech gedeckt.

Immer wieder sieht man Schutthaufen abgerissener Steinhäuschen sowie Häuschen mit grünen oder roten Kreuzen auf der Fassade. Dies sei eine neue Regelung des Präsidenten, erklärt mir Jan: Sämtliche Gebäude im Abstand von weniger als 5 Meter zur Strasse müssten weichen. Die Schutthaufen mit aufgeschichteten Steinen erinnern mich an meine Ausbildungskurse zum Maurer, wo wir am Schluss jeweils Stein um Stein rückbauen und mit der Drahtbürste reinigen mussten.

Je weiter wir aufs Land hinauskommen, desto erbärmlicher sehen die Hütten aus. Die meisten haben Erdböden im Innern. Elektrizität ist hier kein Thema. Draussen gibt es oft ein paar freilaufende Ziegen und Hühner. Die Menschen, die wir sehen scheinen beschäftigt mit Kochen, dem Flicken von Motorrädern und Autos sowie Häuser bauen. Dies tun sie alles im Freien. Viele sitzen auch einfach nur draussen vor dem Haus – oft neben handgefertigten Waren, die zum Verkauf angeboten sind. Mich beeindruckt die Ruhe und Gelassenheit, mit der die Leute hier ihrem Alltag nachgehen. Es scheint, als geniessen sie jede einzelne Tätigkeit.

Je länger diese Bilder an mir vorbeiziehen, desto nachdenklicher werde ich. Natürlich haben wir diese Bilder alle schon oft im Fernseher und der Zeitung gesehen. Wir kennen auch die Bedeutung der Worte, «nichts zu haben». Was es hingegen konkret bedeutet, nichts zu haben, verstehen wir im Westen nicht. Es geht mir keineswegs darum, die Zustände in Benin oder zuhause anzuprangern. Den Leuten hier scheint es im Grossen und Ganzen gut zu gehen. Was mich jedoch erschüttert, ist die Tatsache, wie bedeutungslos, meine westlichen Probleme erscheinen vor dem Hintergrund dieser Bilder.

Dieses Gefühl werde ich nie wieder vergessen. Es ist wie ein Bruch in meinem bisherigen Wertesystem, der alles in einen neuen Fokus rückt. Und selbst jetzt, beim Schreiben, treibt es mir Tränen in die Augen. Ich geh’ mich dann mal ausheulen. Danke fürs Lesen.

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