Einstellungen, Baustellen und Vorankommen

«Egal wie viele Steine noch kommen mögen, ich werde einfach immer weiterbauen.»

Letzte Woche konnten wir Fundament Nummer 15 fertigstellen. Damit haben wir insgesamt locker dreitausend Steine vermauert und mit der Schaufel über zwanzig Kubikmeter Mörtel angerührt. Dies entspricht ungefähr dem Volumen von hundert Badewannen. Die Steine haben wir zuletzt mit dem Opel Campo von der anderen Hügelseite aus hergefahren. Vielleicht werde ich zum Andenken eines Tages den Boden meines Arbeitszimmers mit Steinen pflastern. Der Campo ist übrigens ein super Auto; viel Kraft und wenn man einen Knopf rechts neben dem Lenkrad drückt, dann wischt er genau zweimal über die Windschutzscheibe.

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Viel entscheidender als die harten Fakten ist jedoch, ich habe mich trotz der Monotonie stärker mit dem Abenteuer hier im Busch angefreundet: Ich meine, vielleicht wäre es mental einfacher, in dieser Zeit zuhause ein Trainee zu absolvieren bei Swisscom, der Post oder einem der dicken Wirtschaftsprüfer. Dann könnte ich im Büro mit Excel herumspielen und beim Cappuccino die enge Taktung des operativen Tagesgeschäfts bemängeln und überhaupt – ob sich in der Ablauforganisation nicht effizientere Mechanismen implementieren liessen. Schliesslich hätte ich ja nicht BWL studiert, um danach Excel-Tabellen zu kopieren!

Stattdessen schufte ich hier täglich in der Tropensonne mit brennenden Augen vom ei-genen Schweiss. Aber hey, wenigstens verändere ich hier mit meinen Händen täglich ein kleines Stück dieser Welt zum besseren Schutz der Tiere, während die Leute von der BWL jeden Tag ein kleines Stück Excel-Dokument verändern. Als ich mit dem australischen Birdwatcher von unserem Auftraggeber African Parks ein paar Worte gewechselt habe, ist mir bewusst geworden, wie sehr ich das Projekt mag: Es hat einfach Stil, für Leute zu arbeiten, die Hauptberuflich Vögel beobachten. Kein Wunder ist seine Freundin eine Schnitte. Diese Art von Inspiration macht einfach glücklich.

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Abgesehen von der persönlichen Einstellung komme ich regelmässig in Kontakt mit meinen körperlichen Grenzen. Beim Betonieren des Fundaments der Payotte ist beispielsweise auf halber Strecke der Betonmischer ausgestiegen – natürlich genau dann als die Sonne im Zenit stand. Das können sich die Theoretiker jetzt vielleicht nicht so gut vorstellen, aber mit der Schaufel grobklumpiges Bruchkies mit Sand und Zement zu vermengen ist ein quietschender Abnutzungskampf, von dem du weisst, dass du ihn kämpfen musst, obwohl du ihn nur verlieren kannst. Nach ungefähr einer Stunde war ich mit meinen Kräften am Ende – die Jungs haben den Job dann mit vereinten Kräften zu Ende geführt.

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Sie sind wegen der harten Arbeit auf dem Feld, dem tiefen Lebensstandard und dem heissen Klima so viel widerstandsfähiger, kräftiger und ausdauernder als wir verweichlichten Westler. Als wir zum Beispiel vor dem Betonieren des WC Tanks mit Kesseln das Regenwasser aus der Grube schöpften, standen die Jungs knöcheltief im Matsch. Danach quietschten ihre vollgesogenen Schuhe bei jedem Schritt und am Mittag hatten alle schrumpelige Füsse. Obwohl hier seit dem Beginn der Regenzeit die meisten an Schnupfen leiden, wäre es niemandem eingefallen, sich auch nur andeutungsweise darüber auszulassen, geschweige denn, sich zu beschweren.

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Beim gleichen Vorfall in der Schweiz wären ganz bestimmt einige empörte Mütter auf den Lehrmeister losgegangen: Dies könne man einem Lehrling doch nicht zumuten! Ihr Luca hätte deshalb einen starken Pfnüsel bekommen und müsse für den Rest der Woche im Bett bleiben! Falls dies nochmals vorkäme, werde man es dem Berufsbildungsamt melden! Ganz im Gegensatz dazu schmeissen sich die Jungs hier in Afrika selbstmächtig gleich eine ganze Handvoll Antibiotika Tabletten (à 500mg/Stück) rein, wenn ihnen mal die Nase läuft. Das Zeug kriegt man hier alles rezeptfrei und relativ günstig.

Die Leute in diesen Breitengraden scheinen generell empfindlich auf Temperaturschwankungen zu reagieren, weil sie keine Kälte kennen. Einmal vor der Regenzeit, nachdem es lange richtig heiss war, ist es einen Tag lang bewölkt gewesen. Dabei ging ein angenehmes Lüftchen. Dies reichte aus, dass sich die meisten darüber beklagten, es sei ihnen kalt. Dabei war es kaum unter 28 Grad Celsius – die Tage zuvor ist es halt immer 37 Grad heiss gewesen. Am Abend und am nächsten Morgen liessen sich dann einige der Jungs in warmen Jacken und Wollmützen blicken. Den einen oder anderen Grinser konnte ich mir dabei nicht verkneifen, versteht sich.

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Nichts desto trotz musste auch ich gesundheitlich mal wieder einen Tiefschlag einstecken. Es begann mit zwei grossen Mückenstichen auf meinem rechten Bein; wahrscheinlich eine grössere Mücke, die mich gestochen haben muss, dachte ich zumindest anfangs. Nach einer Woche bildete sich ein dritter Mückenstich auf meinem rechten Knie und die Gelenkkapsel begann sich zu entzünden. Ich hielt es für einen günstigen Zeit-punkt, um zu reagieren – einen kleinen Vorrat an Antibiotika hatte ich ja noch vom letzten Mal. Trotzdem konnte ich zwei Tage später wegen der Entzündung nur noch hinkend gehen.

Im Spital verkauften sie dem Jovo (Weisser) gleich vier Medikamente. Davon schmeckten mir die Brausetabletten von Parafizz am besten. Die Antibiotika schlugen mir hingegen übel auf die Laune. Es seien Insekten gewesen, die einen Erreger in eine offene Wunde übertragen hätten. Jedenfalls wirkte der Medikamentencocktail erstaunlich gut und vier Tage später war alles praktisch wieder weg. Dennoch finde ich das Vorgehen dieser Insekten feige, sich auf einen Verletzten zu stürzen. Der Letzte Erreger ist wenigstens auf dem ehrlichen Weg über den Magen eingedrungen und musste sich zuerst der Magensäure stellen. Das respektiere ich.

Was das Projekt anbelangt, so geht es mit dem Bau des Sicherheitscamps gut voran. Das Zementsteinmauerwerk der Küche ist hochgezogen, die Betondecke aufgesetzt und der Grundputz des Mauerwerks weitestgehend fertiggestellt. die Zisterne konnte bereits vor sechs Wochen in Betrieb genommen werden. Vor drei Wochen haben wir zudem den beiden ausgedienten Frachtcontainern ein Wellblechdach aufgesetzt, das uns jetzt in der Regenzeit wertvolle Dienste leistet.

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Im Gegensatz dazu gestaltet sich die Zusammenarbeit mit dem Beninischen Staat ausgesprochen mühsam. Die Herren Staatsangestellte haben die Nerven, regelmässig vor Ort den Projektfortschritt zu kontrollieren, obwohl sie mit den Zahlungen arg im Rück-stand liegen: von den fälligen vier Raten ist gerade mal die erste eingetroffen. Bei einem vorangegangenen staatlichen Projekt über den Bau einer Hotelanlage bei einem Wasser-fall sind bis heute nur die Hälfte aller Zahlungen eingetroffen. Das Projekt liegt nun schon einige Jahre zurück – die Anlage ist am zerfallen, das Geld wird nie eintreffen.

Ich bedaure, das Projekt in diesem Moment verlassen zu müssen: jetzt, wo wir ein eingespieltes Team sind. Aber ich muss nach Hause, um meine letzte Bachelorprüfung zu schreiben. Danach will ich wiederkommen und mithelfen, das Sicherheitscamp zu vollenden. Diesmal als Freiwilliger, ich habe keine Diensttage mehr übrig. Danke für’s Lesen!

 

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