Routinen und Abenteuer

Letzte Woche sind wir bis am Samstagnachmittag im Park geblieben, weil wir wegen Pfingsten erst am Dienstag aufgebrochen sind. Als ich schon nicht mehr daran geglaubt habe, fuhren meine Schweizer Gefährten mit schönem Gerät ein; Thömus flottgemachter Käfer in original hellblau und sein bunter Mercedes-Reisebus – seine Wohnung, wenn man so will. Der Käfer ist optisch eine Wucht geworden: Seitlich zwischen den Kotflügeln liess Thömu horizontale GT-Streifen in weiss lackieren, wobei er diesen Hellblau-Weiss-Kontrast in der Farbgebung der Felgen wieder aufgegriffen hat.

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Der selbstgeschweisste Dachträger in schwarz mit dem Ersatzrad und den längs angebrachten Sumpfblechen verpasst dem nostalgischen Charme zudem eine ordentliche Portion pures rustikales Selbstvertrauen: “I’m sexy and I know it!” …das ist Authentizität mit vier fetten Kotflügeln! Grossartige Arbeit, Thömu, ich liebe es! Gemäss Grobplanung hätten meine Leute bereits am Mittag eintreffen sollen, um mich und den Anhänger mit den Schlafnischen mitzunehmen. Man habe schlicht den Aufwand für die Vorbereitung dieser 24-Stunden-Mission unterschätzt, lautete die offizielle Begründung der Herren Pablo, Lukas und Thömu. Der Plan lautet, dieses Wochenende auf Safari im Park zu gehen.

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Ich weiss nur, dass wir sonst an den Samstagen jeweils mindestens bis nach 10.00 Uhr gepennt haben. Aber wer wäre ich, wenn ich nach einem solchen Auftritt noch irgendetwas kritisieren wollte!? Abgesehen davon tut es gut, die Jungs nach einer langen Woche in der Einöde des Busches wiederzusehen. Obwohl es mich stolz macht, für dieses Projekt zu arbeiten, erfordert sein abgelegener Standort auch Entbehrungen: Nur noch am Wochenende Highlife mit den Freunden in der Stadt, während man unter der Woche im Park von der Aussenwelt komplett abgeschnitten ist. Dies nagt besonders dann an der Moral, wenn man im Nachhinein von einem gemütlichen Käse-Spätzle-Abend erfährt mit den Kolleginnen von der GIZ, dem Entwicklungshilfeprogramm des Deutschen Staates.

Eine weitere mentale Herausforderung bildet der monotone Tagesablauf: Seit drei Wochen baue ich nun Natursteinmauern für Zeltfundamente. Dies bedeutet konkret, täglich von morgens bis zum Znüni mit Pickel und Karrette flache Steine suchen und in schweisstreibender Arbeit durch unwegsames Gelände zur Baustelle karren. Nach der Pause wird bis zum Mittag gemauert und ab und zu von Hand neuer Mörtel angerührt. Am Nachmittag mauern wir dann nochmals zweieinhalb Stunden. Im Moment sind wir an Nummer acht von fünfzehn – danach kommen noch weitere auf der anderen Hügelseite. Jackpot!

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Und jeden Tag immer das Gleiche: die gleichen Steine, der gleiche Sand, der gleiche Zement und die gleiche Sau-Hitze. In Anbetracht dieser Monotonie überrascht es nicht, wenn aus Bauarbeitern viele Alkoholiker werden. Ich habe mich schon dabei ertappt, wie ich von einem Dörfler eine Zigarette geschnorrt habe, um wenigstens mal was anderes zu schmecken. Der Effekt war eindrücklich: das Nikotin beruhigte angenehm und ich kam mir dabei vor, wie der Cowboy aus der Marlboro-Werbung – don’t be a maybe! Vielleicht habe ich deshalb danach die Wangenmuskeln hochgezogen, in die Sonne geblinzelt und über meine rechte Schulter gespuckt.

Wie auch immer – in Anbetracht der Umstände ist das Wochenende die mentale Erlösung, die Zeit, um aus den Routinen auszubrechen. Dies ist uns eine Woche zuvor besonders gut geglückt, als Lukas am Sonntagmorgen spontan die Idee hatte, mit den Motorrädern zum Flugplatz zu fahren. Der Flugplatz von Natitingou liegt etwas ausserhalb der Stadt und verfügt über eine planierte Landebahn aus roter Erde, die einmal pro Jahr neu ausgeebnet wird. Obwohl da pro Jahr nur etwa vier Flieger landen, ist er 24 Stunden 7 Tage die Woche in Betrieb. Die beiden Typen im Tower freuten sich über unseren Besuch und liessen uns danach mit den Motorrädern auf der schnurgeraden Landepiste herumbrettern. Das hat richtig Laune hemacht.

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Aber kommen wir zurück zur Safari. Im Bus kriege ich zuerst ein kühles Bier – genau das richtige nach dieser Woche. Anschliessend steige ich mit Pablo durchs Dachfenster aufs Dach des fahrenden Buses. Hier oben sind wir nur wenig tiefer als die meisten Baumkronen der Buschbewaldung: der Perfekte Ort, um nach Tieren Ausschau zu halten. Seit ein paar Wochen ist Regenzeit, weshalb der Busch grüner ist als sonst. Die Wolken ziehen hier relativ tief und schnell übers Land. Dadurch entstehen immer wieder malerische Kulissen. Als erstes treffen wir auf eine Antilopenherde.

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Antilopen machen einen sehr aufmerksamen und fokussierten Eindruck, so als würden sie jederzeit ihre ganze Konzentration auf einen Punkt fixieren. Wenn man sie durchs Fernglas beobachtet, kriegt man den Eindruck, als ob einen auch die Tiere trotz der Distanz mit ihren dunklen Augen sehen könnten. An einem Wasserloch können wir Krokodile beobachten. Diese Tiere scheinen viel entspannter zu sein, als ihrem Image zufolge. So liegen zahlreiche Exemplare einfach nur reglos im kühlen Wasser. Am Abend rasten wir auf einer der beiden Campingstellen des Parks, die ebenfalls an einem Wasserloch liegt. Gemäss Thomas gibt es hier viele Nilpferde. Leider sehe wir kein einziges.

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Zum Abendessen kochen wir Teigwaren und Sauce über dem Feuer. Dazu gibt’s grilliertes Fleisch und kühles Bier. Im Hintergrund geben die Grillen ihr Konzert. Trotz der Anstrengungen des Jobs bin ich hier richtig. Das ist es wert. Danke für’s Lesen.

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