Projekt Pendjari

Es ist Dienstagabend nach einem heissen Arbeitstag. Ich bin auf der Fresse. Deshalb gehe ich gleich duschen, um nicht in die Warteschlange der einzigen Duschkabine zu geraten. Letzten Donnerstag ist unser neues Projekt angelaufen: Wir bauen ein Sicherheitscamp für die Betreiber des Pendjari Nationalparks, der im Norden Benins liegt. Als wir letzte Woche hier angekommen sind, hatte es einzig die Grundwasser-Bohrung von 50 Metern für die Pumpe. Sonst alles grüner Busch, Bäume und heruntergefallene Äste. Die Hinfahrt dauerte drei Stunden. Mit dem Handy hat man hier keinen Empfang.

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In der Zwischenzeit haben wir die Pumpe und eine Solaranlage installiert, vier Zelte und eine Zivilschutzdusche aufgestellt sowie ein Türken-WC gegraben. Als Küche dienen zwei grosse Gaskocher, die von den Schlossern des Ausbildungszentrums zusammengeschweisst worden sind. Das Ganze fühlt sich sehr romantisch an: wie auf einer abenteuerlichen Expedition in den Jungel – etwa so wie im Comics von Tintin (Tim und Struppi). In Realität ist es jedoch so viel mehr Arbeit, als man sich vorstellt. Schon alleine die Beladung des Lastwagens hat gut einen Tag in Anspruch genommen.

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Angekommen im Park mussten wir zuerst einen Vormittag Äste, Laub und Stroh zusammenkehren, um sich vernünftig bewegen zu können. Am Nachmittag galt es dann, die Zelte aufzustellen und um jedes einen Graben zu ziehen, falls der Regen kommt. Unser Camp ist umgeben von drei grossen Hügeln mit spärlich-niedriger Busch-Bewaldung. Besonders auf den Hügeln liegen zahlreiche rostrot-graue Natursteine, die am Nachmittag heiss sind von der Sonne. Damit werden wir die Fundamente der Bauwerke ummauern, um anschliessend den Beton hineingiessen zu können.

Ich habe noch nie mit Naturstein gemauert, wollte es aber schon lange ausprobieren. Dies sei etwas für Landschaftsgärtner, nicht für Maurer, hat es immer geheissen. Nebst der Einrichtung des Camps haben wir letzte Woche die Grundrisse ins Gelände übertragen der Küche, des Ess-Saals sowie eines Fundaments für ein dauerhaftes Zelt. Von diesen Zeltfundamenten soll es einmal 26 Stück geben, rund um den Hügel herum verteilt.

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Die genaue Position eines Bauwerks interessiert hier niemanden – Platz hat es ja genug. Deshalb arbeiteten wir bei der Trassierung nur mit Messbändern, Armierungsstäben und Schnur. Christoph kneift ab und zu ein Auge zusammen, um anhand der eingesteckten Armierungseisen die Gebäudefluchten zu kontrollieren. Vielleicht will er in Sachen Genauigkeit auch einfach nur mal ein Auge zudrücken. Anschliessend haben wir mit dem Aushub für die Natursteinumrandungen begonnen.

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Trotz der vielen Gebäude, wird kein Bagger zum Einsatz kommen. Das Benzin für den Bagger würde pro Tag mehr kosten als ein Arbeiter. Denn eine Arbeitskraft kostet hier umgerechnet etwa drei Franken am Tag. Da überlegt man es sich zweimal, den Bagger zu kaufen. Abgesehen davon wäre es aufwändig, einen Bagger aufzutreiben. Für den Transport bedürfte es zudem eines Anhängers, was wiederum kostet. Dafür habe ich jetzt an beiden Händen Blasen vom Pickeln. Der unförmige Pickelgriff besteht übrigens aus dem verdrehten Ast eines Baumes.

Bisher habe ich jeweils gegrinst und ein wenig mit dem Kopf gewackelt, wenn mir die alten Bauarbeiter etwas über Pickeltechnik erzählen wollten. Ich meine, man haut das Ding einfach in den Boden und je grösser der Schaden, desto besser!? Spätestens nach einem Tag hat man es halt im Rücken, aber das lässt sich kaum vermeiden – auch nicht, wenn man dabei versucht, immer einen geraden Rücken zu machen. Weil ich in der Schweiz aber dank der Maschinen noch nie länger als eine Stunde am Stück habe pickeln müssen, ist es auch nie zu einem Härtetest meiner Technik gekommen. Mit anderen Worten, die Technik der rohen Gewaltanwendung hat sich für mich bisher bewährt.

Hier werden wir aber wochenlang pickeln, und ich merke schon nach drei Tagen, wie es mir an die Substanz geht. Allmählich beginne ich zu verstehen, was die Alten gemeint haben könnten. Die Sache ist die, man zieht mit dem Pickel relativ hoch auf und lässt ihn dann ausschliesslich mit der Schwerkraft und dem Eigengewicht des vorgebäugten Oberkörpers auf den Boden sausen. Nicht mit Zug, wie ich es bisher immer machte. Anschliessend nutzt man die Hebelwirkung des Griffs um Erde zu lockern und den Pickel wieder rauszuziehen. Um die trockene Erdkruste zu durchdringen nutzt man die Spitze Seite des Pickels, danach nur noch die breite Seite.

Die spitze Seite des Pickels habe ich in der Vergangenheit wohl noch nie benutzt. Interessanterweise ist der Schaden im Boden mit dieser Technik nur minim kleiner als wenn man auf Zug arbeitet. Auf der Plus Seite kann man mit der sparsamen Technik praktisch endlos pickeln. Nebst sieben Maurerlehrlingen unterstützen uns seit dieser Woche sechs Gastarbeiter aus dem nahegelegenen Dorf. Sie sind mausarm und kommen in zerschlissenen Kleidern daher. Arbeiten tun sie jedoch wie Pferde, das hat mich sehr beeindruckt.

Diese Leute arbeiten einen ganzen Tag lang völlig verschwitzt in der Sonne auf dem Feld. Am Abend legen sie sich auf ein Stück Karton oder eine Decke auf den harten Boden und schlafen. Ab und zu duschen sie und steigen danach wieder in ihre verschwitzten Kleider. Am nächsten Tag sind sie jedenfalls wieder topfit am Arbeiten. Sie kennen es halt nicht anders. Einmal mussten wir für das Wasserreservoir das Planum erstellen, eine gerade Fläche, worauf danach der Beton für das Fundament kommt. Als ich einem der Leute vom Dorf die lange Bleiwaage in die Hand drücke, merke ich an seinem Blick, dass der keine Ahnung hat, was eine Bleiwaage ist. Es ist schon heftig, in welch einfachen Verhältnissen die Leute hier aufwachsen.

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Am Mittwochabend ziehen dunkle Wolken auf und es beginnt stark zu winden. Dabei wirbelt der Wind viel Staub auf. Ich packe noch schnell meine bisherige Schlafgelegenheit zusammen, ein Mückennetz und eine aufblasbare Matte, und begebe mich dann mit den Einheimischen in den grossen Frachtcontainer. Zwei der Gebäude bestehen aus je zwei Containern, die mit einem Wellblech-Dach überspannt werden. Einer dieser Container ist zum Glück bereits eingetroffen. Im Container mit den Dörflern fühlt es sich an wie auf einem illegalen Flüchtlingstransport. Starker Regen setzt ein, der gegen das Blech des Containers trommelt. Dies schafft ein sehr gemütliches Ambiente. Hier drinnen sind wir sicher.

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Der Wind hat einiges zerstört: Die meisten Zelte liegen flach auf dem Boden. Der Campingtisch ist gut sechzig Meter weit weg von seinem ursprünglichen Platz auf dem Rücken zu Liegen gekommen. Auch die Elektroinstallation der Solaranlage hat gelitten. Immerhin sind sämtliche Solarpannels noch intakt. Es regnet nur noch leicht und es ist angenehm kühl geworden. Heute beginnen wir mit der Natursteinummauerung des Küchenfundaments. Eine andere Lehrlingsgruppe hat bereits zwei Streifenfundamente gemauert für den Frachtcontainer. Den Mörtel mischen wir von Hand mit der Schaufel auf dem Boden: einen Sack à 50kg Zement auf 2,5 Karretten Sand (ca. 60 Liter pro Karrette).

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In der nächsten Nacht ist mir zum ersten mal kalt, obwohl es draussen warm ist. Als ich rausgehe, um zu pissen kriege ich einen heftigen Schüttelfost. Ich habe wohl noch nie so unkontrolliert Wasser gelassen. Dabei erreichte ich eine Streuweite von locker 5 Meter ohne dabei nass zu werden. Danach gehe ich ans Feuer, um mich aufzuwärmen. Es dauert lange, bis mir wieder warm ist. Anschliessend wird mir sehr heiss und ich schwitze wie ein Tier. Es geht mir richtig mies jetzt. In der Zwischenzeit habe ich begriffen, dass ich Malaria, das Mückenfieber, erwischt habe. Es kommt wellenweise, dabei kann sich heiss und kalt abwechseln.

Auf dem Höhepunkt des Fieberschubes denke ich für einen Moment, dass es jetzt wohl mit mir zu Ende geht – hier draussen im Nirgendwo des Busches. Als letzte Massnahme schmeisse ich mir sechs BCAA-Kapseln ein. Das sind essentielle Aminosäuren, die gut sind für Immunsystem und Regeneration. Nach einer Stunde geht es mir ein wenig besser. Ich bin jetzt aber sehr wackelig auf den Beinen. Am nächsten Morgen gibt mir Christoph eine Malaria-Kur. Den ganzen Tag liege ich flach. Meine Nieren und Rückenmark schmerzen. Jeder Schritt ist eine Qual. Am Abend geht es mir dann zum Glück deutlich besser. Die Kur scheint gut zu wirken. Heute bin ich praktisch wieder fit. Danke fürs Lesen.

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