Vom Staplerfahren und Betonieren

Ich bin zuvor noch nie Stapler gefahren, ausser natürlich im Videospiel GTA. Dort musste ich mit dem Stapler auf einem Militärflughafen Munitionskisten klauen. Jedenfalls ist mir bewusst gewesen, dass ich mich auf heikle Mission begebe, als ich mich bereit erklärte, den Stapler zu fahren. Es ging ja nur darum, ein Palett mit 300 bis 400kg schweren, lose aufgeschichteten Zementsteinen 100 Meter weit zu transportieren und auf dem Betondach abzustellen. So viel kann da nicht schief gehen, und wo kämen wir denn hin, wenn wir immer nur auf sicher spielen würden?

Tömu gibt mir einen kurzen Crashkurs. Der Stapler hat Vorderradantrieb mit Doppelbereifung und hinten kleine Räder zum Steuern. Dadurch kann man praktisch an Ort wenden. Trotz Doppelbereifung ist der Stapler strenggenommen nicht fürs Gelände gebaut. Das mit dem Heben und Senken ist einfach. Schwieriger ist jedoch das Palett zu treffen. Ich muss ein paar mal Anlauf nehmen. Dabei touchiere ich einmal mit der Gabel leicht eine Wand – nichts passiert zum Glück. Die Kupplung kommt relativ spät, dann aber ziemlich schnell. Deshalb braucht es Gefühl und ein wenig Übung zur genauen Manövrierung.

Tömu ist übrigens volontärer Automechaniker und der Daniel Düsentrieb des CFL. Ab und zu kauft er sich für ein paar Hundert ein oder zwei Wracks begehrter Oldtimer-Modelle, bastelt sie zu einem funktionierenden Auto zusammen und fährt damit in die Schweiz. Dort verkauft er es dann für ein paar Tausend. Tömu hat mit seinen 26 Jahren zudem bereits mehrere umfangreiche Afrikareisen hinter sich. Zu diesem Zweck hat er sich einen Mercedes-Bus umgebaut, worin er auch hier im Ausbildungszentrum wohnt. Wenn er von der Schweiz aus wieder aufbricht, nimmt er auf seine Reise oft Gäste mit. Hier noch die Adresse seines Blogs, danach zurück auf den Stapler: http://www.tjmechanicsandadventure.blogspot.com.

Als es mir gelingt, das Palett aufzugabeln, fahre ich langsam Richtung Baustelle. Dabei schwitze ich sehr: Die Steine schwanken schon bei kleinen Erschütterungen gefährlich, obwohl ich so langsam fahre wie möglich; ohne je ganz einzukuppeln. Endlich auf der Baustelle angekommen, kommt der schwierigste Teil: Ich muss das Paltet ca. 2.8 Meter hochheben und danach kontrolliert ans Gebäude heranfahren. Natürlich ist genau dort eine Steigung und daneben ein Dutzend schwarze Nasen, die mir zuschauen. Da habe ich mich ja mal wieder schön reingeritten!

Das Problem ist, ich muss ein wenig Gas geben, weil alleine die Kupplung kommen lassen wegen der Steigung nicht mehr ausreicht. Gleichzeitig darf ich nicht zu viel Gas geben, weil ich zum einen ins Gebäude reinfahren könnte. Zum anderen könnten durch ruckartige Bewegungen Steine runterfallen oder der Stapler umkippen infolge der Hebelwirkung des Paletts, das jetzt auf über zwei Metern liegt. Vielleicht habe ich schon erwähnt, dass ich heute zum ersten mal einen Stapler fahre.

Ich gebe zu viel Gas – der ganze Stapler wackelt und drei oder fünf Steine fallen herunter; einige davon auf die Fahrerkabine. Das Adrenalin schiesst mir ins Blut, Aufregung und wilde Gesten auf der Zuschauertribüne. Gottseidank gelingt mir das Manöver beim zweiten Versuch. Die Jungs grinsen, einige klatschen. Uff! Ich bin an einem Sonntag zur Welt gekommen. Das Glück war mal wieder auf meiner Seite. Ich sehe mir den Stapler an. Es ist halb so schlimm: Das Dach war bereits verbeult; da ist nicht zum ersten mal was draufgefallen.

Der zweite Durchgang gelingt schon fast zu gut, der dritte wieder leicht schlechter: alles aber wieder im grünen Bereich in Afrika. Obwohl ich nicht besonders religiös bin, danke ich an diesem Abend dem grösseren Ganzen für Beistand und Hilfe. Für den nächsten Tag ist das Betonieren der Decke vorgesehen. Ich habe grossen Respekt vor dieser Aufgabe in Anbetracht der eher bescheidenen Leistung meiner Jungs beim Bau der Deckenschalung. Betonieren ist jeweils eine stressige Angelegenheit: Man muss vorwärts machen, weil der Beton nicht ewig flüssig bleibt. Dies gilt umso mehr in diesen Breitengraden, wo es tagsüber um die 36°C heiss ist. Ich muss unbedingt cool bleiben bei dieser Sache.

Abgesehen davon will ich das Geschehen dieses mal bis zum Schluss überwachen, um nachher nicht wieder Überraschungen anzutreffen. Glücklicherweise konnte ich vor der Lehre ein paar Decken betonieren helfen. In der Schweiz fährt man zu diesem Zweck mit dem schweren Geschütz vor: Da kommen zwei Lastwagen – der Betonmischer und die Betonpumpe, die über einen 30 Meter langen Arm aus Rohren und Schläuchen den Pumpbeton direkt in die Schalung pumpt. Der Beton besteht aus Rundkies, Sand, Zement und Verzögerer. Betonieren à la africaine ist im Vergleich dazu ein bisschen umständlicher.

Der Beton wird hier in einem Trommelmischer mit einem Benzinmotor gemischt. Danach wird er mit dem Stapler aufs Gebäude gehievt. Von dort gelangt er mit Garretten an seinen Platz in der Schalung, wo er wie in der Schweiz, mit Vibriernadeln verdichtet wird. Das Gemisch umfasst jedoch lediglich Sand, Zement und Bruchkies – kein Verzögerer. In der Schweiz wird das Flusskies in grossen Mengen mit einem Saugbagger abgebaut. Hierzulande verkleinern Frauen der umliegenden Dörfer Gesteinsbrocken mit Hämmern. Natürlich ist das rückständig. Dennoch kriegen auf diese Weise immerhin alle, die mithämmern, etwas vom Kuchen.

20170412_121739-2448x1836

20170412_083112

20170412_083130-2448x1836

Bei einer Maschine, die mehrere Kubik pro Stunde verkleinern kann, würden nur noch wenige absahnen, während die Anderen leer ausgehen würden. Dies ist eines der grossen Probleme des Kapitalismus: «The winner takes it all». Abgesehen von der Methode der Gesteinsbrechung mit Hammer und dem Kapitalismus ist auch der fehlende Verzögerer im beninischen Beton suboptimal. So besteht die Gefahr, dass der Zement zu schnell abbindet aufgrund der Hitze und Sonneneinstrahlung. Dadurch wird die Betonqualität beeinträchtigt.

Wenn man zum Beispiel eine Schaufel nassen Beton in den Backofen legt, wird er trochen und bröckelig, weil der Zement nicht richtig reagieren kann, aufgrund des schnellen Trocknungsvorgangs und der fehlenden Luftfeuchtigkeit. Leider ist Verzögerer hier kaum erhältlich und wenn, dann unverhältnismässig teuer. Um diesen Nachteil abzufedern, möchte ich den Beton so bald wie möglich mit Plastik zudecken sowie am Abend, wenn die Sonne weg ist, mit Wasser berieseln und danach wieder zudecken. So habe ich es in der Lehre gelernt.

Es geht los. Gleich zu Beginn schnappe ich mir eine der beiden Vibronadeln, um im Herzen des Geschehens mitmischen zu können. Ich bin gut drauf und bereit in dieser Schlacht als erster zu attackieren! Natürlich habe ich kaum Erfahrung, aber was kann mir schon passieren?! Ich meine, ich habe die Stapleraufgabe gemeistert – und jetzt geht es nur darum, Beton in eine Holzkiste zu giessen. Es fängt gut an: Der Beton ist zwar noch ein wenig zu dickflüssig, lässt sich aber verarbeiten. Wir betonieren streifenweise von ca. einem Meter, wobei die Oberfläche mit Metall-Talochen und Zementpulver sofort fertiggestellt wird.

20170412_083139-2448x1836

Die Schalung und die Zementsteine lasse ich auf Anweisung des Chefs fortlaufend mit dem Schlauch bewässern. Ich spüre, dass dieses Unterfangen richtig gut läuft. Darüber freue ich mich wie ein Räuber. Endlich mal betonieren, ohne dass jemand rumstresst. Alle erledigen einfach nur ihren Job; jeder auf seine eigene gemütliche afrikanische Weise. Dafür liebe ich dich Afrika: für deine Art, die Arbeit ohne Hektik zu geniessen. Danke fürs Lesen.

20170412_111738-2448x1836-1224x918

20170412_122101-2448x1836

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s