Die Vollendung der Deckenschalung

Am nächsten Tag geht’s weiter mit der Deckenschalung. Ich durfte das Unterfangen am Nachmittag des Vortages alleine leiten, weil Mo zum Zahnarzt musste. Als erstes fällt mir auf, dass die zuletzt installierten Stützen an der falschen Position stehen, obwohl wir den ganzen Nachmittag nach dem gleichen System vorgegangen sind. Die Jungs haben es tatsächlich geschafft, die letzten sechs Stützen des Nachmittags anders aufzustellen als die dreissig vorangegangenen. Ich bin nur kurz weg gewesen, um weitere Stützen zu schneiden. Davor sagte ich noch, bitte alles immer gleich wie bisher.

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Jetzt verstehe ich, weshalb Mo sämtliche Tätigkeiten mikromanagen will. Es ist auch nicht so schlimm, weil sowieso zu viele Stützen eingerechnet sind, da man die Belastbarkeit der einzelnen Stütze nicht genau kennt. Deshalb kann vom Abstand der Stützen abgewichen werden. Auch Mo meint, das könne man schon so lassen. Aber trotzdem; was soll der Scheiss!? Die Jungs hier sind nicht auf den Kopf gefallen; sie sind nicht dümmer als die Jungs zuhause in der Schweiz. Ich kann es wirklich nicht verstehen.

In der Pause erkläre ich Mo mein Problem. Er ist der Ansicht, es liege an der schlechten Grundbildung und man müsse die Lehrlinge «aufwecken». Mir wird langsam bewusst, wie weitreichend sich die Strukturierung eines Menschen auswirkt. Ich meine, wenn hier in einer Lehmhütte irgendwo im Busch jemand zur Welt kommt, dann trifft der nicht viel Struktur an. Wenn er mag, rennt er den Ziegen hinterher oder spielt mit einem Motorradreifen. Wenn ihm das zu blöd wird, macht er einfach was Anderes.

Wahrscheinlich kommt ab und zu die Mama mit einem Kessel und sagt ihm, er müsse sich jetzt waschen. Vielleicht wird er dann noch einmal die Woche in die Kirche geschleppt. Aber insgesamt lernt er auf eine spielerische Weise in der Natur: ohne Ziel und nach dem Zufallsprinzip. Der Vorteil ist, er hat Spass beim Lernen; der Nachteil, sein Wissen ist unstrukturiert, sein Vorgehen bei der Problemlösung intuitiv – wahrscheinlich kommt er in seinem freiwilligen Tun nicht oft bewusst und fokussiert von A nach B.

Es braucht eben beides: Man darf seine Leute nicht verheizen, kann sie aber auch nicht einfach ihrem eigenen Spiel überlassen. Ich bin gespannt, wie das hier im Unterricht läuft. Aber gehen wir wieder zurück auf die Baustelle. Nach der horizontalen Deckenschalung braucht es Armierung sowie eine seitliche Abschalung, damit die Betonplatte neben ihrer Fläche auch zu ihrer Dicke findet. Zu diesem Zweck verankern wir Schaltafeln aussen an der Tragkonstruktion mit der Hilfe von Ankerstäben und gelochten vertikalen Kantholzen für mehr Stabilität.

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Christoph gibt mir zudem die Anweisung, bei den Aussenecken und wo immer zwei Bretter zusammenkommen, als zusätzliche Verstärkung, horizontale Kantholze einzubauen. Wenn es der Chef so will, wird es so gemacht. Beim Einbau der Kantholze stosse ich jedoch auf Widerstand. Gabriel, ein Lehrling, der schon oft, was anders machen wollte, empfindet die horizontalen Kantholze als nicht notwendig. Ich gehöre ebenfalls zu den Leuten, die gerne was anders machen. Deshalb diskutiere ich gerne mit Gabriel – muss ihm dieses mal aber leider absagen. Es scheint ihn nicht zu kümmern.

Ich sage es ihm nochmals mit entspannter Miene. Obwohl er meint, Christoph hätte es ihm anders gesagt, zieht er danach davon und widmet sich einer anderen Arbeit. Anschliessend muss ich mit dem Stapler Zementsteine heranschaffen und bitte ihn, mir das Stromkabel hochzuheben, damit ich durchfahren kann. Er stürmt wieder etwas und reagiert nicht auf meine noch immer liebevoll gehaltenen Anweisungen. Ein anderer kommt mir helfen. Ich merke, wie mein Puls hochfährt. Hier soll ja nicht jemand meinen, er könne machen, was er will, nur weil ich so ein entspannter Junge bin – mir reicht es nämlich!

Wie bei einem Einbruch des Blutzuckerspielgels, fällt meine Laune auf den Tiefpunkt. Schlagartig wird es dunkel und am Himmel sieht man Blitze zucken. Im Hintergrund ertönt das Intro von «Hells Bells» (AC/DC). Mühsam atmend versuche ich mich auf dem Hochstapler zusammenzureissen, um meine Mission des Steineholens zu Ende zu bringen. Danach gehe ich langsam zu Gabriel hinüber. Ich sage ihm mit übertrieben ruhiger Stimme und bitterbösem Blick: Ca suffit maintenant. La prochaine fois je te dis de faire quelque chose, tu le fais. Je souhaite c’est compris?!

Mir ist scheissegal, ob das richtiges Französisch ist, ihr Klugscheisser. Der Blick scheint jedenfalls den Unterschied zu machen. Er sagt sofort: «Oui, c’est compris!» Danach kommt er mit Ausreden, weshalb er mir mit dem Hubstapler gerade nicht habe helfen können. Die Geschichte scheint sich schnell herumzusprechen. Am Nachmittag sind alle übertrieben freundlich zu mir. Meine Laune hat sich in der Zwischenzeit erholt und schlechtes Gewissen stellt sich ein, weil alle so freundlich sind. Ist schon ok, ich bin halt ein sensibler. Danke fürs Lesen.

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