Am Morgen erklingt um 07.40 Uhr die Sirene im CFL (Centre de Formation Lieweitari) – zur Erinnerung erklingt sie zehn Minuten später noch einmal. Es sei aber kein elektronischer Alarm, sondern der Chef-Berufsbildner, der einen Knopf drücke. Er sei nicht immer zuverlässig, was die Sirene anbelangt – auch sonst nicht. So die erfahrenen Zivis. Ich verstehe nicht recht, weshalb der Alarm wie ein Polizeiwagen auf einer Verfolgungsjagt klingen muss. Das assoziiere ich mit «Grant Theft Auto», kurz GTA, einem Videospiel, worin ich in der Person eines Schwarzen oft vor der Polizei flüchten musste. Hier sind auch alle schwarz.
Ich wohne mit Jan, Lukas und Pablo in einem Dortoire, einem gemütlichen afrikanischen Häuschen mit gewölbter Decke und braunrot-weissem Verputz. Pablo ist ZIVI-Polymechaniker und Maschinenbauingenieur – ich kenne ihn bereits vom ZIVI-Ausbildungskurs. Dem Schlafraum vorgelagert ist ein weiterer Raum mit Gasherd, Kühlschrank sowie einem Tisch mit Steinplatte und Stühlen. Die Fenster bestehen aus einem Fliegengitter sowie verstellbaren Glaslamellen zur Regulierung des Durchzugs.

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20170405_120658.jpgWir begeben uns um 08.00 Uhr in die Montagehalle der Polymechaniker. Ich bin einigermassen angespannt und nicht nur wegen der Polizeisirene: Am Vortag sagte mir Jan auf der Reise, ich werde der einzige ZIVI-Maurer sein und müsse die Baustelle leiten. Bis zu diesem Zeitpunkt bin ich davon ausgegangen, zumindest anfangs, mit einem anderen ZIVI-Maurer zusammenzuarbeiten. Spontan fallen mir beunruhigend viele Gründe ein, weshalb dies ein Problem werden könnte: Erstens habe ich erst im Juli letzten Jahres meine einjährige Maurerlehre abgeschlossen, das heisst, ich habe kaum Erfahrung. Ich habe zweitens noch nie eine Baustelle geleitet.

Drittens verwenden die hier wohl andere Werkzeuge und Arbeitsverfahren, als die dort Zuhause. Falls dies nicht ausreicht, wäre da ja noch immer die Sprache. Und mit Französisch habe ich ungefähr so viel Erfahrung wie mit dem Mauern. Auf der Plus-Seite darf man mir zugutehalten, ich bin erstens enorm kräftig – ziemlich eindrücklich. Zweitens kann ich einigermassen geradeaus pissen. Drittens darf man den Motivationsfaktor dieser Aufgabe nicht unterschätzen: Es ist eine einmalige Chance. Wo kriegt man sonst die Gelegenheit, direkt nach der Grundausbildung, eine Baustelle zu leiten?

Im Übrigen wird man mich hier wohl nicht nach Hause schicken. Ich habe also kaum was zu verlieren; dafür umso mehr zu gewinnen. In der Montagehalle beginnt das Morgenritual mit afrikanischem Gesang und Klatschen. Anschliessend liest einer aus der Bibel vor, danach bitten wir den Herrn um Frieden, Schutz, und Wohlergehen für das Ausbildungszentrum, Benin, Afrika und überhaupt. Der Chef, Christoph, führt mich um 08.20 Uhr persönlich in die Räumlichkeiten und Organisation der Maurer im CFL ein.

Schliesslich schnappe ich Hammer und Nageltasche und gehe auf die Baustelle. Es fühlt sich gut an, wieder Maurer zu sein. Das bin ich – hier bin ich richtig. Die Baustelle leitet Mohammed, der in Ghana Bauingenieur studiert hat. Dies ist eine gute Nachricht; ich werde also nicht völlig auf mich allein gestellt sein. Zunächst brauche ich aber einen Überblick, wie die Prozesse hier ablaufen. Nach kurzem Vorstellungs-Chit-Chat frage ich Mo, wie ich ihm helfen könne. Mo scheint über meine Frage erleichtert zu sein.

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Man ist dabei, eine Deckenschalung zu erstellen. Zu diesem Zweck schalen zehn Lehrlinge den vorangegangenen Deckenabschnitt aus, um die Deckenstützen danach gleich wieder einzusetzen. Die vertikalen Deckenstützen sind hier übrigens dünne Baumstämme, die an den horizontalen Jochträgern angenagelt sind und mit Keilen auf die richtige Höhe gespriesst werden. Zuhause sind sie aus Metall und können mit einer Winde eingestellt werden. Was den Arbeitsprozess betrifft herrscht hier einigermassen Chaos.

Das Ausschalen wird auf der einen Seite Schritt für Schritt von Mo mikro-gemanaged. Dies überrascht mich; in der Schweiz machen das die Lehrlinge in der Regel selbstständig. Auf der anderen Seite legen die angehenden Maurer die ausgeschalten Stützen zufällig irgendwo ab. Andere Lehrlinge nehmen sie von dort und Legen sie auf einen Haufen, wo wiederum ein anderer Lehrling die Nägel herauszieht und die Stützen auf einem weiteren Haufen ablegt, bis sie dann in einem weiteren Arbeitsschritt zum neuen Einsatzort gebracht werden müssen.

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Vernünftigerweise würden die Nägel direkt herausgezogen, zumal man die Deckenstütze ja ohnehin lösen muss und man den Hammer dann ohnehin in der Hand hält – von Minimierung des Verletzungsrisikos ganz zu schweigen. Anschliessend könnte man die Stützen gleich dahinbringen, wo sie als nächstes gebraucht werden. Dies ist nur eines von vielen Beispielen. Vorerst behalte ich den Ball aber flach. Die strukturellen Anweisungen von Mo versuche ich hingegen jeweils mehrmals mit Nachdruck zu bekräftigen, dabei ist die Wirkung nur von kurzer Dauer.

Dies ist mühsam. Ich weiss, ich muss mich jetzt zusammenreissen: Es wäre kontraproduktiv, sich hier gleich am ersten Tag sichtbar aufzuregen. In der Schweiz hätte ich, nach dem fünften mal Sagen, für einen kleinen Ausraster volles Verständnis bekommen sowie ein paar anerkennende Grinsen. Bevor ich aber hier anfange durchzudrehen, muss ich mir sicher sein, was der Normalzustand ist und weshalb die Leute ihre einfachen Anweisungen so inkonsequent umsetzen.

Diese Situation ist insofern positiv, als dass ich dadurch zu mehr Selbstvertrauen finde – ganz nach dem Motto «mit dem Ärger steigt das Ego». Selbst wenn ich hier fachlich aufgrund geringer Erfahrung nur wenig Akzente setzen können sollte, habe ich strukturell ein paar wichtige Schlachten zu gewinnen. Um zehn Uhr ertönt wieder Polizeisirene und Schiesslärm – natürlich nur Sirene. Es gibt la Bouille und Gâteau, eine Suppe mit Hirsemehl und Zucker sowie Küchlein aus Bohnen, die in kochendem Öl geschwommen sind.

Das Zeug ist sehr nahrhaft, auch wenn es mich geschmacklich nicht so überzeugt. Ausserdem habe ich wegen der Hitze hier kaum Hunger, und in die Suppenschale könnte man ohne weiteres reinspringen und ein paar Runden schwimmen. Deshalb gebe ich sie nach wenigen Löffeln dankend an den Kollegen neben mir. Ich hoffe im Geheimen, sie mögen in puncto Essen noch etwas mehr zu bieten haben.

Die Jungs sind übrigens alle sehr hilfsbereit hier, und aufgestellt. Ein bisschen Struktur und wir können zusammen die Welt erobern. Ich muss aber aufpassen, dass ich diesen positiven Spirit mit meiner westlichen Strukturwut nicht zerschlage. Ab 10.30 geht das bunte Treiben auf der Baustelle weiter. Mo kümmert sich wieder um das Mikromanagement, während ich mich um ein bisschen Ordnung auf der Baustelle bemühe und alles Herumliegende versorge. Ab und zu bitte ich die Jungs freundlich, sie sollen doch die Deckenstützen gleich ausnageln.

Um 13.00 Uhr dann wieder Sirene – die Mittagspause dauert zwei Stunden. Danach wird nochmal drei Stunden gearbeitet. Ich liebe diesen Rhythmus schon jetzt. Am Abend gehen wir zusammen Ignam Pillé essen – dies sei bereits Tradition unter den Zivis. Ignam ist eine Wurzel, die ähnlich wie Kartoffeln wächst. Die bepflanzten Äcker erinnern an unzählige symmetrisch angeordnete Maulwurfhügel. Eben diese Wurzel wird von vier bis sechs kräftigen afrikanischen Frauen mit Holzkeulen zu Brei gedroschen und zu einem Teig verarbeitet.

Dieser Teig wird dann von Hand in eine scharfe Sauce mit leckerem beninischen Käse getunkt und gegessen. Es ist zu meiner Erleichterung sehr lecker – besonders der Käse. Zum Essen gibt es Bier Beninoise und im Hintergrund zirpen die Grillen. Die afrikanische Abendstimmung ist etwas ganz Besonderes: Es gibt kaum Licht auf dem Aussensitzplatz dieses kleinen Restaurants. Deshalb sprechen alle automatisch etwas gedämpfter. Ausser der Grillen ist es still. Es wirkt, als wünsche die Natur, dass ihre Kinder jetzt zur Ruhe kommen. Danke fürs Lesen.

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2 thoughts on “Der erste Tag im CFL

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